Plaue ist seit 1952 ein Stadtteil von Brandenburg an der Havel
Pulverfabrik Plaue zum Reichsbahnwerk Plaue/Eisenbahnwerk Brandenburg-West
Der PreußenSpiegel - Beitrag von René Paul-Peters

Im Oktober 1919 kamen die ehemalige Pulverfabrik und das Feuerwerkslaboratorium unter die Verwaltung der ''Deutschen Werke''. Ab dieser Zeit wurden Personen-, Güterwagen und Lokomotiven instand gesetzt. Am 23. Februar 1920 übernahm die Deutsche Reichsbahn vom Reichsschatzministerium, der Rechtsnachfolgerin der Heeresverwaltung, das Werk mit 400 Gebäuden und 172 Wohnungen und richtete ''Reichseisenbahnwerk Plaue'', eine Lokomotive- und Wagenreparaturwerkstatt, ein. Anfangs arbeiteten hier 500 Menschen. Die Reparatur von Personenwagen wurde bald darauf eingestellt, dafür die Reparatur und der Neubau von Güterwagen erhöht. Diese Umstellung erfolgte, weil der Versailler Vertrag von Deutschland die Ablieferung von 8.000, teilweise leistungsstarke Lokomotiven und 280.000 Güterwagen, aber nur 13.000 Personenwagen vor allem an Frankreich, Belgien und Serbien forderte.
Die früheren Verwaltungsgebäude der Pulverfabrik wurden zum gleichen Zweck weitergenutzt, in dem 1916 erbauten
Offizierskasino entstand die Gaststätte ''Seegarten''. Aus anderen Gebäuden des Werkes wurden Wohnungen. Im

früheren Laboratorium war von 1920 bis 1922 die chemische Versuchsanstalt der Deutschen Reichsbahn mit besonderen Prüf und Versuchseinrichtungen untergebracht. Ab Mai 1921 hieß das vormalige ''Reichseisenbahnwerk Plaue ''Eisenbahnwerk Brandenburg-West''. Im Herbst 1922 wurde auf einem Teil des Geländes des früheren Feuerwerkslaboratoriums mit dem Bau eines Lokomotivuntersuchungswerkes begonnen. Im Frühjahr 1923 entstand die 310 Meter lange und 120 Meter breite Reparaturhalle, in der 300 Menschen arbeiteten. Die Führung des Baues hatte Regierungsrat Dr. Ing. Friedrich Neesen, der das Werk bis 1928 leitete. Bis zum Jahresende 1924 stieg die Gesamtbelegschaft des nun fertig gestellten modernsten deutschen Reichsbahnwerkes auf über 1.000. Auch europaweit war der Betrieb, der mit dem Schwerpunkt Reparaturen von Dampflokomotiven arbeitete, der modernste. Die ''fließende Reparatur'' führte dazu, dass die Arbeitszeit für eine umfassende Lokomotivuntersuchung von etwa sechs Wochen auf 18 Tage gesenkt werden konnte.
Das Werk gliederte sich in Zentralwerk und Lokomotivwerk. Das Zentralwerk erfüllte die vielschichtigen Aufgaben eines Ausbesserungswerkes, leitete das große Kraftwerk und die im April 1928 auf dem Gelände des früheren Feuerwerkslaboratoriums gebildete Zentralschule der Deutschen Reichsbahn für die Dienstanfänger aller Fachrichtungen des Unternehmens. Dafür wurden Lehreinrichtungen, -schalteranlagen, -strecken mit Weichen und Signalen eingerichtet. Jeder Bahnanwärter musste die Schule Kirchmöser besucht haben. Daneben wurden auch Kurse für höhere Bahnbeamte durchgeführt. Außerdem entstanden im östlichen Teil des Werkes eine Weichenfabrikation und ein Schwellenlager. Im Lokomotivwerk, zu dem u. a. die Richthalle, die Räderwerkstatt und die Kesselschmiede gehörten, wurden Reparaturen, Untersuchungen und Überholungen von Lokomotiven ausgeführt. Untersuchungen hatte jede Lokomotive alle drei bis fünf Jahre zu durchlaufen. Eine Hauptuntersuchung, bei der die Lokomotive fast vollständig auseinander genommen wurde, erfolgte jeweils nach fünf Jahren. In diesem Zeitraum hatte die Lokomotiven bis zu 500.000 Kilometer Laufleistung erbracht. In Kirchmöser konnten bis zu 35 Lokomotiven gleichzeitig repariert werden. Im Jahre 1926 wurden von den noch 620 Beschäftigten täglich ein bis zwei Lokomotiven repariert bzw. überholt. Ab 1925 begann sich die Reparatur der Lokomotiven mit der Einführung der Baureihen 01 zunehmend zu standardisieren. Trotzdem wurden weiterhin Reparaturen an den Baureihen P 8 und G 8 in größerer Zahl durchgeführt. Ab Mitte der zwanziger Jahre war auf dem Gelände auch die Zentralschule der Reichsbahn untergebracht. 1926 verfügte das gesamte Eisenbahnwerk, in dem 2707 Mitarbeiter tätig waren, über 40 Kilometer Gleis, 10 Kilometer Schmalspurgleise, 39 Kilometer Straßen und 398 Gebäude sowie 918 Werkswohnungen. Bis 1926 zog die Deutsche Reichsbahn aus 89 Dienststellen und Werken insgesamt 825 Arbeitskräfte nach Kirchmöser.

Die Jahre der Wirtschaftskrise von 1928 bis 1933 überstand das Reichsbahnwerk, als Staatsbetrieb, verhältnismäßig schadlos. Im Januar 1932 waren noch fast 3.000 Arbeitskräfte beschäftigt, bis 1933 sank die Zahl auf etwa 2.000, von denen etwa 1.200 allein Lokomotivausbesserungswerk tätig waren. Am 11.März 1935 fuhr die Borsig-Stromlinienlok 05, die 1936 mit einer Geschwindigkeit von mehr als 200 Stundenkilometern einen Weltrekord aufgestellte, während einer Testfahrt von Berlin nach Kirchmöser, wo Messungen und Kontrollen durchgeführt wurden. Bereits Ende 1939 kamen die ersten Kriegsgefangenen ins Werk. Sie wurden meist in Baracken nördlich der großen Lokomotivhalle untergebracht. Zu den wichtigsten Aufgaben des Werkes in den Jahren von 1939 bis 1942 gehörte auch die Umrüstung von in Europa erbeuteten Lokomotiven auf die deutschen Normen. Um 1940 erhielt die große Lokomotivhalle einen Erweiterungsbau. Zum Anfang der vierziger Jahre wurden auch Lokomotiven der Baureihen 42 und 45 repariert und gewartet.

1939 wurde auf dem Gelände eine ''Bahnschutzschule'' eingerichtet. Im September 1942 beschloss das Ministerium für Bewaffnung und Munition, die Lokomotivwerkstatt des RAW als erste derartige Einrichtung in Deutschland vollständig abzubauen und für die Produktion von Panzern umzurüsten. Die Ausstattung des RAW wurde ab dem Spätherbst 1942 in 276 Eisenbahnwaggons verladen und sollte in Kramatorskaja, nahe Stalingrad in der UdSSR, die Arbeit im Februar 1943 wieder aufnehmen. Hier sollten vor allem die in der UdSSR erbeuteten Lokomotiven und Waggons auf die deutschen Normen und Spurweite umgerüstet und die Verluste an rollendem Material durch die Partisanen wieder instand gesetzt werden. Viele der Beschäftigten, vor allem Facharbeiter, waren bereits in das neue Werk verlegt worden. Wegen des Rückzuges der Wehrmacht aus diesen Gebieten konnte das neue Eisenbahnreparaturwerk seine Arbeit nicht mehr aufnehmen.